Kochen mit Kindern
Fisch frisch zubereiten

Teil 6 Die weise Muräne 2

„Lass mal sehen“, raunzt die Weise nun interessiert und kommt Coachy gefährlich nahe. Weil sie ja kurzsichtig ist, muss sie das auch, wenn sie ihn richtig sehen möchte.

„Wow! Das habe ich ja lange nicht mehr gesehen!“ Die Muräne reißt ihre trüben Augen so weit auf, wie sie kann vor Staunen. Sie kommt noch mal ganz nahe und starrt auf Coachy’s Kopf, so lange, dass es ihm immer mulmiger wird. Dann zieht sich zurück, und an ihrer Art der Bewegung ist so gar nichts Abweisendes mehr, eher so etwas wie Respekt. Sie windet sich ein Stück in ihre Steinhöhle, dreht sich wieder um und spricht nun in einem ganz freundlichen Ton zu den vier kleinen Fischen.

„Dann kommt mal näher und macht es euch bequem, denn das, was mit ihm hier ist, ist eine längere Geschichte.“

Alle kommen vorsichtig, aber neugierig näher und die Muräne kuschelte sich gemütlich seufzend an einen großen Stein. „Vor vielen, vielen Jahrzehnten, als es noch ganz wenig Fischfang gab und wir hier im Meer völlig ungestört von der Welt auf dem Land und in der Luft lebten, gab es noch gar keine Fische mit orangem Schopf. Ab und zu sahen wir von unten den Schatten eines Bootes oder eines Holzschiffes und Angeln wurden ins Meer hinab gelassen, um einige von uns zu fangen. Das ist normal und o.k., denn es gibt nun einmal Lebewesen, die fressen und die gefressen werden, auch Fische und andere Meerestiere. Mit den Jahrzehnten allerdings veränderten sich diese Schatten. Sie wurden größer und immer größer und begannen einen fürchterlichen Krach zu machen. Hörten wir früher nur das Klatschen und Eintauchen von Rudern, hatten wir nun ein lautes Poltern und Tuckern von großen Dingern, die die Wesen der oberen Welt Motoren nennen. Und dann fielen die ersten wahrlich riesigen Netze in die Tiefe. Sie blieben nicht irgendwo im Wasser hängen, sondern senkten sich auf den Meeresboden nieder. Die großen Schiffe fuhren mit ihnen los und zogen sie über den Meeresboden. Kaum ein Meeresbewohner konnte diesem riesigen Netz entkommen, und wenn sie weitergezogen waren, sah der Meeresboden öde und verwüstet aus. Alles war kaputt, nichts war mehr wie vorher.“

„Hatten die Lebewesen aus der oberen Welt sooo großen Hunger?“, fragt Rosa leise und schaudernd.

„Vielleicht, genau weiß das keiner, denn sie warfen auch viele unserer Meeresbewohner wieder zurück ins Meer. Allerdings kam für die meisten jede Meereshilfe zu spät …“, erzählte die Weise weiter. „Und nicht nur, dass diese Fischfangmethode immer häufiger stattfand, die Motoren hinterließen zusätzlich einen ekeligen, klebrigen Film im Wasser, den einzuatmen für uns sehr schädlich, manchmal sogar tödlich war.“ Sie hielt in Gedanken einen Moment inne und seufzte bei der Erinnerung an alle die, die sie an die Lebewesen aus der oberen Welt verloren hatte. „Zu dem immer heftigeren Fischfang und den lauten, schmutzigen Motoren der Schiffe kamen mit der Zeit immer mehr Unruhen an den Ufern und Stränden unseres Meeres. Immer mehr Lebewesen, man nennt sie Menschen, blieben am Meer und lebten dort. Nach und nach begannen sie immer mehr Unrat und stinkende Abwässer in unser Meer fließen zu lassen. Es schwammen seltsame Dinge im Wasser herum, die sich im Salzwasser langsam auflösten und welche, die sich nie auflösten. Die aufgelösten Dinge, die man auch Plastik nennt, konnten so von uns eingeatmet werden, was für uns auch auf Dauer gesundheitsschädlich war. In den unaufgelösten Dingen konnten wir uns verfangen und einklemmen. Konnten wir uns nicht befreien, wurden wir von Fischfressern gefressen oder verhungerten dort elendig.“

Die Muräne macht eine Pause und betrachtet die jungen Fische nachdenklich, die ihren Erzählungen mit großen Augen und ernsten Mienen folgen. Kelly hat sogar eine Träne im Auge.

„Und was hat das nun mit meinem orangenen Schopf zu tun?“, fragt Coachy leise.

„Aaah ja, der orange Schopf …“ Die Weise schien für einen Moment in Gedanken ganz weit weg zu sein. „So konnte es nun nicht weiter gehen. Wir trafen uns zu einer großen Ratssitzung, an der alle Weisen der Meere zusammenkamen. Als wir feststellten, dass überall die Menschen aus der oberen Welt Verursacher unserer Meeresprobleme waren, überlegten wir, wie wir mit ihnen verhandeln könnten.“ Die Weise machte ein ganz wichtiges Gesicht. „Wisst ihr, wenn man nicht einfach handeln kann, dann muss man verhandeln. Ich kürze mal ab, denn das Spektakel der Versammlung mit vielem Hin und Her von Vorschlägen dauerte einige Tage. Also letztendlich war unsere Lösung: Wir brauchen Botschafter, die mit den Menschen Kontakt aufnehmen konnten und mit ihnen reden und verhandeln konnten! Solche Botschafter mussten ganz besonders ausgestattet werden. Sie sollten ungewöhnlich aussehen und ein paar magische Kräfte haben, um nicht auf kurzem Weg gefangen und verspeist zu werden – weder von anderen Meeresbewohnern noch von Menschen und Gestalten aus der oberen Welt. Und sie mussten reinen Herzens sein, damit sicher war, dass sie ihre Kräfte ausschließlich für ihre Mission einsetzten. Die Mission war, die Menschen auf die Missstände in den Meeren aufmerksam zu machen und sie zu einem achtsameren Umgang mit den Meeresbewohnern zu bringen. Es gab nur sehr wenige Fische in allen Weltmeeren, die für so eine Mission infrage kommen. Mit ihren magischen Kräften geraten sie erst gar nicht in Netze oder an Angeln. Wenn sie es doch tun, dann absichtlich. Eine weitere magische Kraft ist nämlich, dass sie über Gedankenübertragung mit allen Lebewesen sprechen können, auch mit den Menschen. So können sie auf Missstände aufmerksam machen und die Fischer dazu bringen, achtsamer zu handeln und sie wieder ins Meer zurück zu werfen.“

Die Weise schaut auffordernd in die stillen und gespannten Fischkindergesichter, als warte sie auf einen Kommentar.3 freundinnen

„Krass!“, rufen alle Vier im Chor.

„Ich habe von meinem Schwarm schon einmal über solche Fische mit magischen Kräften tuscheln hören, dachte aber es wäre ein Märchen.“ Kelly schaut aufgeregt in die Runde und paddelt mit den Flossen. „Aber es gibt sie wirklich!“

„Genau.“ Die weise Muräne zog sich wieder ein wenig zurück und holt hörbar Luft zum Weitersprechen. „Die wenigen, ersten besonderen Botschafter-Fische wurden damals ausgewählt und dann vom Magier-Fisch mit ihren Kräften und mit einem besonderen Aussehen bestückt. Beides kann immer nur von den Eltern auf die Kinder übertragen werden, denn unsterblich sind sie nicht. Bis auf ihre Besonderheiten und ihre Mission sind sie ganz normale Fische.“

„Und - sie sehen aus wie du!“ ruft sie, schießt aus ihrer Höhle hervor auf Coachy zu und bleibt ganz dicht vor seinem Gesicht stehen. Coachy taumelt erschrocken zurück und schlägt die Flossen über sein Gesicht, die anderen drei Fischlein flüchten kreischend auseinander. Als Coachy vorsichtig unter seinen Flossen hervorlugt schaut er direkt in das große, fleckige Muränengesicht über sich – mitten hinein in breites, zahnbesetztes - liebevolles Lächeln. Die Muräne räuspert sich fast verlegen und weicht langsam wieder zurück.

„Es beginnt bei dir gerade. Alle Botschafter-Fische bekommen diese cyanblaue Färbung mit dunkelblau in der Mitte, was wie eine menschliche Hose aussieht, und den orangen Schopf auf dem Kopf. Wenn alles voll ausgebildet ist, findet dich dein Vater oder deine Mutter, je nachdem von wem du die Mission geerbt hast, um ihre magischen Kräfte auf dich zu übertragen.“

Die Weise wird nun wieder etwas brummeliger. „Und nun genug. Tummelt euch! Und du, erfreu dich noch deiner Kinderzeit. Ist schnell genug vorbei! Und ihr“, sie wendet sich abrupt den anderen drei Fischlein zu, „ihr schaut zu, dass ihr bald zu euren Schwärmen kommt, um dort eure Aufgaben wahr zu nehmen!“

Das sind sehr ernste und abweisende Worte, mit denen sich die weise Muräne umdreht und in die Höhle zurückzieht. „Lasst euch nicht so bald fressen!“ hören sie es noch dumpf aus der Steinhöhle schallen.

Bilder/Illustrationen: A.-Meike Holland-Cunz

An einem trüben Morgen, Coachy und die Mädchen wiegen sich noch schlaftrunken sanft zwischen langen Algen hin und her, als Lou stutzt. „Schaut mal, Coachy’s Dottersack ist weg!“
Coachy tastet erst irritiert mit den Seitenflossen seinen Unterbauch entlang, dann biegt er sich erschrocken und schaut unter sich. Tatsächlich, vom Dottersack ist nur noch eine kleine Hauthülle übrig, die sich durch seine hektischen Bewegungen auch gerade auflöst und sich im Wasser davon macht. Coachy schaut ihr mit großen Augen sprachlos nach. Was nun?, denkt er.
„Was passiert jetzt? Muss ich jetzt verhungern?“, fragt er zaghaft die Mädchen. Dabei spürt er auch schon ein leichtes Ziehen und Grummeln in seinem Bauch. Könnte das Hunger sein? Bisher musste er sich um seine Ernährung ja nicht kümmern.

Plötzlich ist Coachy mit einem Schlag wach! Da war doch was! Er drückt sich erst einmal vorsichtig tiefer in sein Algennest hinein und schaut von dort vorsichtig um sich. Da! Da huschte doch gerade etwas vorbei! Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und schaut um die nächste hochgewachsene Alge – und … entdeckt andere kleine Fischkinder! Noch immer mit einem flauen Gefühl, aber nun mächtig neugierig verlässt Coachy sein Algennest und nähert sich den anderen Fischlein. Die tummeln umeinander, bleiben abrupt im Wasser stehen. Vollbremsung! Toll! Die nächsten beiden Fischkinder hinter dem Bremser können gerade noch ausweichen, sausen aber voll gegen eine Wasseranemone (das ist so eine Art Blume, nur unter Wasser). Huch, das kitzelt! Kichernd kommen die beiden wieder heraus und entdecken Coachy, der immer noch vorsichtig ein wenig abseits geblieben ist.

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Bilder: amhc-design